Solarenergie von Unten

„Wonder Women“, Lembata, Indonesien, © IRENA/Kopernik

Eine Revolution ist über 100 Millionen Menschen gekommen: Sie haben Solarlicht im Dunkeln. Ade teure, rußende Kerzen und Kerosinlampen, willkommen preiswertes, gesundes Licht zum Leben und Lernen.

Die IRENA, UN-Behörde für Erneuerbare Energien, hat die Verbreitung von Erneuerbaren Energien in Inselsystemen (Off-grid) untersucht. Mitte Juli 2018 veröffentlichte sie die Ergebnisse, die auch dokumentieren, welche sozio-ökonomischen Effekte die Verbreitung preiswerter Erneuerbarer Energie hat. Ein verbesserter Zugang aller Menschen zu sauberer erneuerbarer Energie sieht die IRENA als eine wichtige Säulen der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDG’s). Die Anzahl der Menschen, die von einer Off-grid Stromversorgung aus erneuerbaren Energien profitieren hat sich innerhalb von nur 7 Jahren von 22 auf 133 Mio. versechsfacht. In Asien profitieren 76 Mio. Menschen von dieser technischen Revolution. In Afrika wuchs die Zahl der Menschen mit Zugang zu nicht netzgekoppelten Erneuerbaren Energien innerhalb von 7 Jahren um 2650% von 2 auf 53 Millionen. Die zu beobachtende weltweite Verbreitung von Off-grid Erneuerbarer Energieversorgung bis in die hintersten Ecken der Zivilisation wird auch messbaren Einfluss auf Gesundheit und Abeitsplätze der dort lebenden Menschen haben. 

Finanzierung wichtiger als Leistung

Betrachtet man jedoch die Leistung der Systeme, ergibt sich ein komplett anderes Bild. Insgesamt haben die weltweit installierten erneuerbaren Insel-Systeme eine Leistung von 6,5 GW. Solarlampen haben daran nur einen Anteil von 4%; genau so viel wie Haus- und Mini-Grid Systeme. Deutlich dominierend bei der Leistung ist die Selbstversorgung von Unternehmen und Kommunen. 83% der Kapazität wird für Industrie, Gewerbe, Telekommunikation und kommunale Versorgung (z.B. Wasserpumpen) zur Verfügung gestellt.

Das beeindruckende Wachstum ist jedoch auch getrieben von ganz kleinen solaren Lösungen, wie den Solarlampen, die weniger als 11 Watt Anschlussleistung haben. Die sinkenden Photovoltaikpreise und der dazugehörigen Steuerungstechnik, sowie die Einführung von neuen Finanzierungskonzepten beflügeln auch das Wachstum von Solar Home Systemen. Sie versorgen inzwischen 24 Mio. Menschen in Einzelsystemen und noch einmal 9 Mio. Menschen in solaren Mini-Netzen. Mit der Verbreitung von Krediten, in denen die Kreditrückzahlung mit der Nutzung (Pay As You Go, PAYG) vereinbart ist, werden Mikrokredite einfacher. Der Vertrieb von Solarsystemen in Entwicklungsländern ist nicht mehr nur auf Spenden angewiesen, sondern auch ein Geschäft geworden. Es zielt auf einen Markt von weltweit 1,2 Milliarden Menschen ohne Strom ab.

Deutschland profitiert

Auch deutsche Unternehmen, wie die Berliner Unternehmen Mobisol und MicroEnergy International profitieren als Pioniere von dieser Entwicklung. Mobisol hat nach eigenen Angaben in nur 5 Jahren 500.000 Menschen Zugang zu solarer Elektrizität verschafft und möchte bis 2023 20 Mio. Menschen mit ihren Off-grid Lösungen versorgen. Die Systeme bestehen aus einem Modul und einer Batterie mit Steuerungseinheit. Sie funktionieren mit Gleichstrom, so dass die Kosten für Wechselrichter eingespart werden. Eine Mobilfunk-Karte sorgt in jedem Solar Home System dafür, dass der Strom nur fließt, wenn das PAYG-Konto ausreichend aufgefüllt ist. Mobisol hat inzwischen 750 Angestellte 12 Ländern.

MicroEnergy engagiert sich international in dem gleichen Markt, konzentriert sich jedoch auf Forschung und Entwicklung, sowie Beratung. Das Tochterunternehmen SolShare vertreibt z.B. eine Mobilfunk-Schnittstelle für PAYG-Zahlungen und eine erweiterte Lösung, die darüber hinaus lokales Verteilen und Abrechnen von selbst erzeugtem Solarstrom in einem nachbarschaftlichen Mini-Stromnetz ermöglicht. Das Tochterunternehmen hat seinen Sitz in Bangladesh, einem Vorreiterland bei der Installation von Systemen zur solaren Hausversorgung. Inzwischen sind dort über 4 Millionen Solar Home Systeme installiert, die 12% der Bevölkerung erreichen. Bereits 2014 wurden in Bangladesh monatlich 70.000 dieser Systeme installiert, was nach Angaben der IRENA inzwischen zu 133.000 neuen Jobs geführt hat.

Zugang zu Bildung, Voraussetzung für Entwicklung

Die zukünftige Entwicklung von erneuerbaren Off-grid Lösungen ist absehbar positiv. Der Kreis der Menschen ohne Stromanschluss, für die eine Solar Home System bezahlbar ist, wächst beständig. Der Ausbau der Stromnetze kann nicht immer mit der Entwicklung der Erneuerbaren-Technik mithalten. Die lokale Stromversorgung ist jedoch ein Grundpfeiler für eine wirtschaftliche Entwicklung, genauso wie für den Zugang zu Wissen und Bildung. Stromversorgung mit Insel-Systemen aus lokal verfügbarer Erneuerbarer Energie ist auch in entwickelten Ländern weit verbreitet. Für abgelegene Berghütten, Verkehrssteuerung oder Funkmasten lohnt es sich nur selten einen Netzanschluss zu legen. Die sinkenden Kosten in der Batterietechnik werden die Attraktivität von Mikro-Netzen weiter erhöhen.

In Entwicklungsländern bieten die Erneuerbaren Energien den Menschen mehr Möglichkeiten, auf lokaler Ebene Eigeninitiative zu ergreifen um die Lebensverhältnisse zu verbessern, beispielsweise durch die Kühlung von Lebensmitteln. Mit den PAYG-Finanzierungen konnte (endlich) ein vermeintlicher Vorteil von Diesel-Generatoren überwunden werden: Vergleichsweise niedrige Anfangsinvestitionen. Obwohl Strom aus Photovoltaik (PV) schon länger günstiger als Dieselstrom ist, schreckten viele vor den hohen Anfangsinvestitionen zurück. Nun sind die Anfangsinvestition auf ein Minimum geschrumpft und das Vertrauen in die Solartechnik wächst kontinuierlich. Windenergie spielt im Off-grid Bereich bisher noch eine untergeordnete Rolle, hat aber in windreichen Regionen durchaus Potential.

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